|
Weinheim. Der Abend ist bereits vorangeschritten, kühl und spannungsgeladen. Ein Gewitter steht an, man kann es fühlen. Da betritt der erste Slammer die Bühne, es folgt ein winziger Moment der Stille - und dann bricht es schließlich los: das Wortgewitter. Unaufhaltsam, schnell und atemlos schießen die Worte heraus, formen Vokale, Konsonanten, Sätze, Sinn und Geschichten. Das Publikum ist gebannt, kann den Blick nicht abwenden von den schlaksigen Gestalten, die vorne auf der Bühne stehen. Mal wird gegrölt, gelacht, dann wieder stumm gelauscht. Immer aber ist nach ein paar Minuten alles vorbei.
Dann verwandeln sich die rasenden Poeten zurück in schüchterne Jungs und schleichen von der Bühne. Der nächste, bitte! Beim Poetry-Slam gelten eigene Gesetze, die der Dichterschlacht ihren besonderen Reiz verleihen. Fernab von Mainstream, Castingshows und Fernsehwahnsinn hat sich eine kreative Szene junger Künstler gebildet, die in der Zweiburgenstadt bereits viele Anhänger gewonnen hat. Das bewies eine weitere Auflage der Veranstaltung auf der Terrasse von "Hutter im Schloss" im Rahmen des Weinheimer Kultursommers.
Moderiert von Alex Dreppec und musikalisch untermalt von "Add IV" zog die Veranstaltung zahlreiche Slammer aus der Region sowie
|
|
viele Zuschauer an. Beim Poetry-Slam tragen Hobbypoeten ihre selbst verfassten Texte vor und werden dabei vom Publikum bewertet. Dabei zählen nicht nur der Inhalt, sondern auch die Vortragsweise sowie der Blick auf die Uhr, denn pro Beitrag haben die Slammer nur sieben Minuten. Beim Wettkampf unter den Burgen schafften vier Teilnehmer den Sprung in Herzen und Ohren der Zuschauer, also ins Finale. Daniel Keiser, Karsten "Grohacke" Hohage, Daniel Wagner sowie Nectarios Vlachopoulus durften in einer letzten Runde ihre literarischen Qualitäten ebenso wie ihre Nerven unter Beweis stellen.
Schnell müssen sie sein, wortgewandt und mit einem Sinn für das Satirische ausgestattet. Ein bisschen schauspielerische Begabung hat auch noch keinem geschadet. Wer die Zuschauer nicht am Sprachzentrum packen kann, hat eigentlich schon verloren. Poetry-Slams sind definitiv nichts für Leute, die vor einem dreizeiligen Zungenbrecher kapitulieren, denen Ton Buhrow in den Tagesthemen zu schnell spricht und die schon im Schulaufsatz Probleme mit der Grammatik hatten.
Die Finalisten machten ihre Sache gut und brachten das sehr gemischte Publikum zum Toben. Hohage alias "Grohacke" legte
|
|
zum Auftakt der Endrunde ebenso rasant wie amüsant seine Ansichten zu Handys dar. Die "mobilen Endgeräte", "Mobilmonster" und "frühmobile Knochen" kamen dabei nicht besonders gut weg. Wie man es in der Vergangenheit wohl geschafft hat, seine Meinung nicht auf Wikipedia nachzuschlagen und ohne GPS-Hilfe den Weg zum Klo zu finden? Ein Keiser wird König
Daniel Keiser ging es etwas anders an. Er beklagte seine mangelnde autoritäre Ausstrahlung und sein kindliches Erscheinungsbild; im Lehrerjob eher hinderlich. Keine Frage, da müssen "Haare in der Fresse" her, um das Gesamterscheinungsbild zum Positiven zu verändern. Gespickt mit Anekdoten aus dem Schulalltag, trefflichen Imitation von Jugendsprache und der etwas lethargischen Auftrittsart gewann der Doktorand aus Frankfurt die Zuhörer schnell für sich.
Dagegen konnten dann auch Nectarios Vlachopoulus und Daniel Wagner nichts mehr tun. Die beiden Heidelberger taten ihr Bestes, um mit Geschichten rund um Mittelmäßigkeit, gebrochenes Deutsch, Walldorf-Unis, Bildungsfernsehen und den Leiden der jungen Wörter das Blatt noch einmal zu wenden - vergebens. Am Ende wurde Keiser zum König der Worte gekrönt.
nh
|