Zum Tode von Heidi Mohr

Zum Tode von Heidi Mohr
Ein Nachruf von Wolf-Rüdiger-Pfrang
 

Heidi Mohr wurde in der Stadt Weinheim geboren, gelegen zwischen dem Odenwald und Rhein nördlich von Heidelberg. Sie entstammt einer kinderreichen Familie, ist das fünfte Kind von sieben Geschwistern. Gabriele, Richard, Jürgen und Stephan wurden vor ihr und Sabine und Rolf nach ihr geboren. Da all ihre Brüder aktiv Fußball spielten, machte sie frühzeitig mit dieser Sportart Bekanntschaft und kickte gelegentlich mit. Dennoch spielte sie zunächst bei der TSG 1862 Weinheim drei Jahre Handball und hätte sich mit ihrer explosiven Spielweise sicher auch in dieser Sportart durchgesetzt. Bei all dem war ihr handballspielender Vater die treibende Kraft.
Doch dann kam ihre spätere Niederkirchener Mannschaftskameradin Juana Tix in den Kurbrunnenweg nach Weinheim und überzeugte Heidis Eltern, dass ihre Tochter Fußball spielen sollte, zumal dies ihre vier Brüder bereits taten und teilweise sogar in der Oberliga-Mannschaft spielten. So begann die fussballerische Laufbahn von Heidi Mohr erst 16jährig beim SV Unter-Flockenbach. Beim ersten Training heulte ich vor Wut“, erinnert sich die junge Frau mit der Löwenmähne, wie man sie auf dem Spielfeld leicht erkannte.
Nach eineinhalb Jahren wechselte sie von dem hessischen Verein zum badischen SV Laudenbach an die Bergstraße. Der Badische Fußballverband erkannte dann das Talent der 18-jährigen Stürmerin. Der Verbandssportlehrer Horst Grönke holte sie in die badische Auswahl, für die sie dann bis 1990 insgesamt 42 Auswahlspiele bestritt. „Leider schieden wir in den Länderpokalspielen meist im Viertelfinale gegen die starke Mannschaft von Westfalen aus“, erinnert sich Heidi Mohr. Mit diesen Spielen waren immer viele Trainingsstunden in der Sportschule Schöneck verbunden. 19jährig schaffte die schnelle Weinheimerin, die die 100 Meter in 11.9 Sekunden lief, den Sprung in die deutsche National-Elf. Bei ihrem Debüt gegen Norwegen (0:0) blieb sie jedoch ohne Torerfolg. Dennoch erkannte Bundestrainer Gero Bisanz ihre Stürmerqualitäten. 1990 wechselte Heidi Mohr zum mehrfachen südwestdeutschen Damen-Meister TuS Niederkirchen und in der neugeschaffenen zweigleisigen Bundesliga wurde sie mit 36 Toren gleich Torschützenkönigin, hatte quasi pro Liga-Spiel zwei Treffer erzielt. Für die inzwischen 24jährige Heidi Mohr kam die Bundesliga zumindest ein halbes Jahrzehnt zu spät. Dass sie Deutschlands Torjägerin Nr. 1 war, bewies sie nicht nur im Nationaltrikot, sondern auch in der Bundesliga, wo sie auch in den folgenden vier Spieljahren nationaler Top Scorer wurde.
1991 war ein großes Jahr für die Weinheimerin. Zunächst wurde sie mit dem Nationalteam nach 1989 zum 2. Mal Europameister. Bei der nachfolgenden ersten offiziellen Weltmeisterschaft in China gelangte sie mit ihren Teamkameradinnen bis ins Semifinale. Der “China Daily“ überschrieb ihre Titelstory über die auch international sehr populäre blonde Deutsche, die mit 7 Toren in 6 Spielen zweitbeste Torschützin dieser WM Endrunde wurde, mit “The German Scorer Machine“. Die Damen-Nationalmannschaft hatte damals auch in Deutschland einen hohen Stellenwert. Heidi Mohr kam bei der Wahl der Deutschen Sportlerin des Jahres 1991 gar auf Rang 7, zudem erzielte sie das „Tor des Monats„ (ARD). Schließlich erhielt sie noch die höchste deutsche staatliche Sportauszeichnung, das Silberne Lorbeerblatt von Bundespräsident Dr. Richard von Weizäcker. Die Badenerin Heidi Mohr, die ihren Wohnsitz in Weinheim bis heute nicht wechselte, kam 1993 endlich auch zu nationaen Ehren, nachdem in den beiden Spieljahren zuvor – aber auch danach - jeweils im Semifinale Endstation war. In der Saison 1994/95 spielte sie für TuS Ahrbach. Doch es schien egal zu sein, wessen Trikot sie trug, sie ging so oder so erfolgreich auf Torejagd. Nach ihrer Rückkehr zu Niederkirchen war die Zahl ihrer Bundesliga-Tore nicht mehr so zahlreich. Dies hatte aber auch verschiedene Gründe. 1995 endete ihre vierte Teilnahme an einer EM-Endrunde mit dem Gewinn des dritten kontinentalen Titels, wobei im Finale auf dem Betzenberg in Kaiserlautern Schweden (3:2) besiegt wurde. Bei der folgenden Weltmeisterschaft in Schweden kamen Heidi Mohr & Co. bis ins Finale, wo sie den Norwegern (0:2) in einer Wasserschlacht unterlagen. Die deutschen Frauen qualifizierten sich damit zugleich für das erstmals ausgespielte olympische Fußballturnier in den USA 1996.  
„Da will ich unbedingt dabei sein“, sagte Heidi Mohr, die vor ihrem “Ziehvater“ Bundestrainer Gero Bisanz, als eine auf den ersten 20 Metern so antrittsstarke, pfeilschnelle Stürmererin bezeichnet wurde, und die in jedem Spiel für ein Törchen gut ist. Auch von internationaler Seite wurde ihr großes Ballgefühl ihr beeindruckendes Stellungsspiel, ihre Dribbel- und Schussstärke ie ihre Kaltblütigkeit vor dem gegnerischen Tor immer wieder lobend erwähnt. Zumindest in Europa hatte es noch nie eine Fußballerin gegeben, die in Strafraumnähe so perfekt spielend, dynamisch und elegant zugleich - auf Torejagd ging. Vor allem ihre Vielseitigkeit, Tore zu erzielen, Solist und Teamspieler zugleich zu sein, waren beeindruckend. Während des olympischen Fußballturniers absolvierte Heidi Mohr ihr 100. Länderspiel (2:3 gegen Norwegen). Zuvor hatte sie gegen Japan noch zwei Treffer erzielt. Doch ein nachfolgendes Remis gegen die aufstrebenden Brasilianerinnen bedeutete das vorzeitige Ende aller olympischen Träume. Kurz danach gab Bundestrainer Gero Bisanz sein Amt an seine damalige Assistentin Tina Theune-Meyer weiter. Unbewusst bestritt Heidi Mohr im September 1996 gegen lsland (3:0) ihr letztes Länderspiel. Es war ein unfreiwilliger Abschied aus dem Nationalteam, der sportlich trotz des angestrebten Neuaufbaus in keiner Phase berechtigt war. Auf internationaler Ebene konnte man es nicht verstehen, dass solch eine Weltklassespielerin wie Heidi Mohr mit erst 29 Jahren nicht mehr das Nationaltrikot tragen durfte Es verursachte Heidi Mohr viel Schmerz. Als sie dann 1999 zu „Europas Fußballerin des Jahrhunderts“ gewählt wurde, erhielt sie eine Rechtfertigung und für jedermann war offensichtlich, wie viele Länderspiele und Länderspieltore man ihr genommen hatte. In der Tat unverzeihlich. In der deutschen Damen-Bundesliga war die 1,73 Meter große Heidi Mohr weiterhin die große Attraktion und musste meist von zwei bis drei Spielerinnen beschattet werden, um ihren Tordrang und ihre Spielweise einzuengen. Heidi Mohr war nie den Verlockungen des Geldes erlegen und meint: „ lch bin recht heimatverbunden, sonst hätte ich sicherlich auch einmal ein Angebot von japanischen und italienischen Erst-Liga-Vereinen angenommen“.
Eigentlich hatte sie im Sommer 1999 ihre aktive Laufbahn beendet. Doch nachdem sich der 1.FFC Frankfurt monatelang intensiv um sie bemüht hatte, gab Heidi Mohr den Rücktritt vom Rücktritt bekannt, nachdem sie auch erkannt hatte, dass sie noch nicht ohne Fußball leben kann. Das Spielen mit ihren sieben Katzen im Elternhaus war für die tierliebe 32jährige kein befriedigender Ausgleich. „Was Lothar Matthäus mit 38 Jahren bringt, das kann eine Heidi Mohr mit 32 allemal. Mir fehlt auch noch eine Teilnahme am Pokalendspiel in Berlin“, sagte sie nach ihrem Entschluss. lhr Vorbild auf dem Fußballrasen war Rudi Völler, das Maß, an dem sie sich maß aber war Gerd Müller. Mit 83 Länderspieltoren hat sie ihr ldol gar übertroffen. Heidi Mohr war eine Vollblutstürmerin, die auch über die technischen Mit- tel verfügte, sie war schnell und elegant beim Dribbling wie auch beim Torschuss. Ob am Boden oder in der Luft, sie hatte keine Schwächen. Sie war wahrhaftig die bestplazierte Europäerin bei der globalen Jahrhundert-Wahl, wo sie auf dem 3. Platz landete. Welch eine Anerkennung und Ehrung! Heidi Mohr ist am 7. Februar im Alter von 51 Jahren nach schwerer Krankheit verstorben.

(Erstellt am 11. Februar 2019)

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