Ein Leben gegen das Vergessen

Engelbrecht-Preisträger Dieter Gerstner, Weinheims unermüdlicher ehrenamtlicher Pflege- und Demenzexperte, ist im Alter von 75 Jahren gestorben

„Wenn es mehr Menschen gäbe wie Dieter Gerstner, wäre unsere Welt ein bisschen besser.“ Mit Gedanken wie diesen hat Weinheims Oberbürgermeister Manuel Just am Mittwoch auf dem Weinheimer Hauptfriedhof jenem hochverdienten Bürger der Stadt sein letztes Geleit gegeben:  Dieter Gerstner, Träger des Engelbrecht-Engagement-Preises, Gründer des Runden Tisch Demenz und des Fördervereins Alzheimer, ist kurz vor Neujahr im Alter von 75 Jahren verstorben. Er wurde im Kreis der Familie, Freunde und Wegbegleiter bestattet. Der 9. Weinheimer Demenztag, „sein“ Demenztag im Oktober war der Tag seines letzten öffentlichen Auftritts. In den Jahren nach seinem aktiven Berufsleben als Krankenpfleger und Pflegedienstleiter hatte sich Dieter Gerstner in besonderer Weise in Weinheim und der Region der Demenzkrankheit und ihren Folgen gewidmet, vor allem den Betroffenen selbst. Vor zehn Jahren gründete Gerstner, damals als Mitglied im Stadtseniorenrat, den „Runden Tisch Demenz“, einen Zusammenschluss der ehren- und hauptamtlichen Organisationen, die sich der Krankheit des Vergessens widmen.

Dieses Netzwerk gewann eine Schlagkraft, die Weinheim zu einem besonders aktiven Standort in Altersfragen werden ließ. In enger Partnerschaft zur Stadtverwaltung trieb er ein Projekt nach dem anderen voran, zuletzt die Weinheimer Pflegekonferenz, die erste auf kommunaler Ebene. 2011 fand der erste „Weinheimer Demenztag“ statt, bis zur neunten Auflage unter der Federführung Gerstners.  Zwei Jahre später gründete Gerstner den Förderverein Alzheimer e.V., dessen Vorsitzender er bis in den Herbst 2019 war. Der gemeinnützige Verein kann Spenden einnehmen und damit eine wachsende Zahl von Projekten, zu denen meistens Dieter Gerstner die Idee hatte, finanzieren. Gerstner gehörte  auch zu den Gründern des „Runden Tisch Demografie“ und war über Weinheims Grenzen hinaus ein gefragter Referent und Berater; alle Tätigkeiten übernahm er ehrenamtlich. Wer ihm einen Gefallen tun wollte, spendete für den Alzheimer-Verein, der sein Anliegen war. Die Patienten selbst aber auch die Angehörigen lagen ihm besonders am Herzen. Seit 2014 organisierte Dieter Gerstner Schulungen für Demenzpaten, die in der Familie und im Bekanntenkreis  mit der Krankheit umgehen mussten. Dabei konnten in den vergangenen Jahren rund 300 Personen wichtige Kenntnisse im Umgang mit den Demenzerkrankungen gewinnen. Im Jahr 2016 bekam Dieter Gerstner stellvertretend für den Runden Tisch Demenz den Rolf-Engelbrecht-Preis für sein überragendes ehrenamtliches Engagement verliehen. Es war nicht seine erste Auszeichnung: Ein Jahr zuvor  war er von der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychologie und Psychotherapie mit dem bundesweit bedeutenden „Förderpreis zur Optimierung der Pflege psychisch kranker und alter Menschen“ ausgezeichnet worden, zwei Jahre zuvor gehörte er zu den Nominierten für den Deutschen Ehrenamtspreis.

Als Mann vom Fach, der unzählige Patienten betreut und deren Angehörigen Verständnis und Zuwendung gegeben hat, war Dieter Gerstner ein Praktiker, Experte und Visionär in einer Person. Ohne seinen Antrieb und seine Ratschläge wäre Weinheim als Gesundheitsstandort und Soziale Stadt nicht auf diesem hohen Niveau, wie sie es ist. Er konnte mit hohen Politikern auf Augenhöhe diskutieren, er stellte sich aber auch auf die Fußgängerzone, um am Welt-Alzheimertag für jedermann ansprechbar zu sein, gleichzeitig besuchte er unermüdlich Pflegeheime und andere Einrichtungen. Dieter Gerstner hat ein Leben gegen das Vergessen geführt; deshalb wird er in Weinheim unvergessen bleiben.

(Erstellt am 11. Januar 2020)

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