„Wir sitzen alle in einem Boot“

Akteure der Weinheimer Jugend-, Bildungs- und Sozialarbeit trafen sich spontan zu einem Runden Tisch im Rathaus

Es war eine angespannte, aber am Ende auch erleichternde Diskussion im Großen Sitzungssaal des Weinheimer Rathauses. Getroffen hatten sich Schulleiterinnen und Schulleiter, Lehrkräfte, sogar Endrik Ebel vom Staatlichen Schulamt, schloss sich dem Kreis an, dazu Vertreterinnen und Vertreter der Schulsozialarbeit, des Jugendamtes im Rhein-Neckar-Kreis, Polizei, Gesamtelternbeirat, Jugendgemeinderat, Stadtjugendring und Ämtern der Stadtverwaltung – ihr Thema war auf Einladung von Oberbürgermeister Manuel Just und des Bildungsamtes die Aufbereitung der Vorgänge rund um die beiden Gewaltvideos, die in der vergangenen Woche in Weinheim kursierten. Angespannt waren die Teilnehmer des Runden Tischs, weil sie allesamt von den Videos schockiert und betroffen waren. Am Ende erleichtert, weil sich das Gefühl verbreitete, doch etliche Gleichgesinnte auf Augenhöhe in Weinheim zu haben, mit denen ein Austausch auf fachlicher Ebene möglich und sinnvoll ist; eine ganze Reihe von Fachkräften, die beim Thema Gewaltprävention an verschiedenen Stellen tätig sind – in einem Netzwerk mit den Ämtern und Organisationen der Stadtverwaltung. Und genau diesen Austausch braucht es, so der Tenor, um auf gute Ideen und neue Gedanken zu kommen. „Wir sitzen alle in einem Boot“, betonte Oberbürgermeister Manuel Just in einem Fazit nach zwei Stunden Austausch. Die Vorfälle seien durchaus als Warnsignal zu sehen. 

Die Anwesenden, die sich im Trubel der letzten Schultage zusammensetzten, um die Vorfälle schonungslos zu analysieren, teilten alle die Fassungslosigkeit angesichts der Brutalität und mindestens genauso der Teilnahmslosigkeit der Passanten, die zu Zeugen wurden und den Vorfall ignorierten. Die generelle Befürchtung, dass es zukünftig häufiger zu derartigen gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, kann Holger Behrendt, Leiter des Polizeireviers Weinheim, nicht teilen. Vorfälle wie jene in den Videos seien in Weinheim sehr selten. Das Problem der Jugendgewalt schätze man in Weinheim als „eher gering“ ein. Trotz allem muss man die Tat ernst nehmen und diese aufbereiten. „Es ist auch eine Chance unsere Netzwerke und Präventionsmaßnahmen weiter zu stärken“. Behrendt betonte erneut, dass alle Täter auf den Videos ermittelt und befragt wurden. Die Fälle seien an das Jugendamt weitergeleitet worden. „Das Problem entsteht im Elternhaus.“ Die Einschätzung von Oberbürgermeister Manuel Just teilten die Bildungs- und Sozialprofis am Runden Tisch. Aber wie kann man zu einer Lösung beitragen, bevor die Lage eskaliert? „Diese Eltern sind überfordert und meistens hilflos“, kam es aus den Reihen der Schulsozialarbeiterinnen der Stadt. Sie brauchen, so der Tenor, Unterstützung, ihre Elternverantwortung wahrzunehmen. Defizite gebe es unter anderem beim ungefilterten Medienzugang in den Elternhäusern. 

„Die Schule stößt auch an Grenzen“, stellte Schulrat Ebel klar. Dennoch war zu hören, dass sich Schulleiter und Lehrer mehr Personal, mehr Zeit und mehr Kontakte zu den Elternhäusern wünschen. Das Land fordere beispielsweise Präventionslehrer an den Schulen, ohne überhaupt nur eine Deputationsstunde zur Verfügung zu stellen. Frei verfügbare Stunden müssten wegen Corona mehr für das Aufholen des Lernstoffs statt für soziale Projekte verwendet werden. Grundsätzlich seien die Klassen schon in den Grundschulen zu groß, um eine intensivere Betreuung mit Kindern aus überforderten Elternhäusern zu schaffen. Die Schulsozialarbeit sei in Weinheim äußerst engagiert und sehr wichtig, stoße bei Problemfamilien aber auch an Grenzen; auch weil das Prinzip der Freiwilligkeit besteht. Das Jugendamt des Kreises werde von den Familien zu wenig als Hilfe wahrgenommen – eher als Aufsichtsbehörde. Termine bei Kinderpsychologen und Beratungsstellen seien oft nicht kurzfristig zu bekommen. Aus fachlicher Sicht dürfe man nicht vergessen, Kinder und Jugendliche weiter zu stärken, damit sie einen positiven Einfluss auf die schwierigen Altersgenossen nehmen können. Teilweise skeptisch äußerten sich die Expertinnen und Experten zu einer Absenkung der Strafmündigkeit, die zur Folge hätte, dass sich die hier beteiligten Kinder vor Gericht verantworten müssten: „Diese Kinder brauchen Hilfe, keine Bestrafung“, so die Haltung der Schulsozialarbeit. Einig ist man sich, dass es mehr Menschen in den Systemen geben muss, um zu verhindern, dass sich Vorfälle wie dieser wiederholen. Ebenfalls thematisiert wurden die Spuren, die diese traumatischen Erlebnisse bei den Kindern hinterlassen, die bedroht, geschlagen und gedemütigt wurden und dann noch erfahren mussten, dass von Erwachsenen in Notsituationen keine Hilfe zu erwarten ist. Die Teilnehmer vereinbarten ein Anschlusstreffen im Herbst. Bis dahin will man die Verbesserungsvorschläge eingeordnet und platziert haben: in der Gesellschaft, der Politik, bei den Behörden. Dann soll auch weiter besprochen werden, ob dauerhaft ein Netzwerk „Gegen Gewalt unter Kindern und Jugendlichen“ eingerichtet werden soll.

(Erstellt am 29. Juli 2022)

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