Startchancen unter der Kuppel

Es sind nur noch ein paar Handgriffe zu erledigen, an diesem Morgen an dem eigentümlichen Ding, das da entstanden ist. Die Gummidichtungen müssen an den Scheiben angebracht werden, ein paar Schrauben festgedreht. Es hat gerade zur großen Pause geläutet, und aus allen Türen strömen Schülerinnen und Schüler. Sie gehören allen Schularten des Weinheimer Schulverbundes der Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) an. Verwundert und bewundernd bleiben sie stehen oder werfen beim Vorübergehen neugierige Blicke auf den Kubus, der einerseits archaisch aussieht wie ein Iglu und andererseits futuristisch wie ein Raumschiff.

Rund ein Dutzend Schülerinnen und Schüler der Werkrealschule legen noch einmal Hand an, damit ihr neues Klassenzimmer ganz fertig wird, sichtlich stolz über die Aufmerksamkeit. Der Bau, genauer der „Vision Dome“, steht auf einer kleinen Wiese zwischen Schulhaus und Fahrradgarage. Er braucht nicht viel Platz, aber er macht viel aus. Der Name ist Botschaft: Die „Kuppel der Visionen“ gibt den Blick und die Gedanken nach oben frei.
Eine Woche lang haben Schülerinnen und Schüler der DBS-Werkrealschule an ihrem „Dome“ mitgebaut, den die Hirschberger Firma „Vision Dome“ aufgestellt hat, nur aus Holz und einem speziellen Kunststoff für die Scheiben. Firmenchef und – gründer Philipp Jungk, Schreiner-Handwerker aus Leidenschaft und ein bisschen ein Freak, hat diese Art der Unterkünfte erfunden und baut sie mittlerweile in ganz Deutschland auf. Viele auch an Schulen, wie in Weinheim. Wie die Jungs und Mädchen ihm geholfen haben in den letzten Tagen, interessiert und begeistert waren, „das habe ich so noch nie erlebt“, sagt Jungk.
 
Das gibt Rektor Jorma Sagner und seiner Konrektorin Ulrike Vollmer Recht; das bestätigt und freut die beiden Pädagogen. Gemeinsam mit Lehrerin Anja Spilger, von der die Projektidee stammt, haben sie jetzt kurz vor Fertigstellung nochmal die kleine Baustelle besucht. Stolz präsentierten die Schüler ihnen ihr Werk. Ab sofort kann darin Unterricht für Kleingruppen stattfinden. „Das ist für unsere pädagogische Arbeit enorm wichtig“, erklärt Sagner. In der Werkrealschule ist der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Sprachdefiziten hoch. „Unsere Klientel können wir nicht angemessen in großen Klassen betreuen“, erklärt Sagner. Bislang habe man sich manchmal in Nebenräumen des großen Flurs beholfen; das war nicht gerade optimal. Jetzt gibt es aber den „Vision Dome“.
Es hat ein paar Monate gedauert von der ersten Idee bis zum ersten Unterricht unter der Visionen-Kuppel. Rektor Sagner ist vor Ort auf offene Ohren gestoßen, vor allem bei der aufgeschlossenen Bildungsamtsleiterin Carmen Harmand und Andreas Könnecke, dem Leiter des Amtes für Immobilienwirtschaft, hat er Fürsprecher gefunden bei der Umsetzung.

Sagner und Vollmer sind sichtlich stolz darauf, dass sie mit ihrer besonderen Schule für das Landesprogramm „Startchancen“ ausgewählt worden sind. Das Programm wurde genau für jene Schülerinnen und Schüler aufgelegt, die ohne eine besondere pädagogische Obhut wohl unter die Räder geraten würden.
„Wir erhöhen die Leistungsfähigkeit des gesamten Bildungssystems, indem wir uns darauf fokussieren, die bestmögliche Teilhabe von benachteiligten Kindern und Jugendlichen sicherzustellen“, sagte seinerzeit die baden-württembergische Kultusministerin Theresa  Schopper, zu deren Amtszeit die „Startchancen“ an den Start gegangen sind: Und sie erklärte: „Es ist mir eine Herzensangelegenheit, Bildungserfolg und soziale Herkunft zu entkoppeln. Hierfür haben wir mit dem Startchancen-Programm einen weiteren großen Hebel. Es ist eine bedeutende Investition in unsere Kinder und Jugendlichen, und damit in Wirtschaft, Wohlstand und Demokratie und ein Beitrag zur Zukunftssicherung.“ Als die Bildungspolitikerin so sprach, hatte sie Projekte wie den Weinheimer „Vision Dome“ im Sinn.
Ihre Sätze finden bei den Pädagogen an der Basis Anklang. Für Jorma Sagner ist der Begriff der „Selbstwirksamkeit“ zentral.  Damit wird die Überzeugung eines jungen Menschen beschrieben, dass er aufgrund eigener Fähigkeiten schwierige Situationen bewältigen und Ziele erreichen kann. Das habe beim Bau des „Vision Dome“ wunderbar geklappt. Ganz alleine und fürs Leben.
 
 

(Erstellt am 18. Juni 2026)

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