Denn Lesen heißt Verstehen (lernen)

„Die kleine Spinne Agnes ist traurig, weil sie das Gefühl hat, dass sie niemand mag. Ihre Freunde beweisen ihr das Gegenteil, indem sie ihr zeigen, wie wichtig sie in ihrem Plan gegen die Mückenbande ist.“ In dieser Inhaltsangabe eines Bilderbuches in deutscher und portugiesischer Sprache steckt viel drin:
Freundschaft, Wertschätzung, Verständnis. Das sind Empfindungen, die jedes Kind kennt – und braucht.

Egal wo es herkommt, welche Farbe seine Haut hat, wer seine Eltern sind. Gleich, welche Sprache es spricht. Oder auch gerade lernt.
„Diese Kultur des Lernens und Verstehens wollen wir ermöglichen und vermitteln“, bekräftigen Anna Sonnenfeld, Kinderbibliothekarin in der Weinheimer Stadtbibliothek, und Arila Fix, Leitung Fachstelle Mehrgenerationenhaus beim Bildungsbüro in Weinheim.  Stadtbibliothek und Bildungsbüro veranstalten gemeinsam das regelmäßige Mehrsprachige Vorlesen in der Weinheimer Stadtbibliothek; es ist seit jetzt über zehn Jahren ein gemeinschaftliches Bildungs- und Integrationsprojekt, das monatlich immer freitags stattfindet, etwa zehnmal im Jahr.

Rund 1000 Kinder waren schon dabei
 
Seit den ersten Angeboten Anfang der 2010er-Jahre haben an die 1000 Kinder jeweils im Kinderbücherraum der Stadtbibliothek in der Luisenstraße gesessen und aufmerksam der Geschichte gelauscht, die vorgelesen wurde. Es sind immer Kinderbücher, leicht verständlich und altersgerecht. Manchmal kommen Löwen und Elefanten darin vor, Feen und Zwerge, die Sonne und der Mond. Die Kinder hängen mit großen Augen an den Lippen der Vorlesenden, sprechen die Wörter nach. In der Sprache, die ihre Eltern sprechen - und immer auf Deutsch.
Etliche dieser Kinder gehen heute zwischenzeitlich in eine weiterführende Schule, manche sind schon im Beruf. Das Mehrsprachige Vorlesen hat ihnen geholfen: Beim Lesen und Sprechen, aber auch beim Verstehen des anderen.
„Wir haben dasselbe Ziel: Möglichst vielen Menschen den Zugang zum Lesen zu ermöglichen und für das Lesen zu werben daher klappt unsere Partnerschaft bei diesem Projekt auch so gut“, berichten Anna Sonnenfeld und Arila Fix. Dass Lesen nicht nur beim Sprachelernen hilft, sondern auch beim Kennen- und Verstehenlernen, das wissen sie aus ihrer Passion heraus. Sprachliche Vielfalt erweitere den Horizont und den Wortschatz, wecke Phantasie und Neugier, wissen sie.
„Das ist Bildung, die Spaß macht“, erklärt Arila Fix. „Genau das“, berichtet Anna Sonnenfeld, „ist die Kultur, die bei uns in der Bibliothek herrscht“.  Alles soll so leichtfallen, wie es geht. Auch eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
 
Spiegel der Weltgeschichte
 
Über zehn Jahre Mehrsprachiges Vorlesen, das ist fast ein Spiegelbild der Weltgeschichte, erläutern sie. Das Sprachangebot spiegelt den Bedarf wider. In den Jahren nach 2015 wurden auch arabische Sprachen angeboten, nach dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine öfter Bücher auf Ukrainisch. Es ging nie nur um das Lesen, sondern um Vertrauen und ein Stück Heimat der vertrauten Sprache. Übersetzt wird immer auf Deutsch.
Interessant dabei, findet Arila Fix: Oft kommen Familien, in denen nur Deutsch oder eine ganz andere Sprache gesprochen wird. Das freut uns, denn das Mehrsprachige Vorlesen ist ein Angebot für alle. Kinder, die nicht mehrsprachig aufwachsen, kommen mit anderen Sprachen in Kontakt. Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, können in beiden Sprachen neue Wörter lernen. Die Eltern schätzen das Angebot, weil es den Kindern neue sprachliche Erfahrungen ermöglicht. Und wir können in Elterngesprächen auf weitere Angebote des Bildungsbüros für mehrsprachige Familien aufmerksam machen. Es sind Freundschaften entstanden, und beim Basteln, das immer dazugehört, fallen ohnehin alle Sprachbarrieren. Einige Familien bringen auch kleinere Geschwister mit, auch wenn sie noch nicht vier Jahre alt sind. „Das ist gar kein Problem“, schildert Anna Sonnenfeld. Dann wird eben noch ein Würfel oder noch ein Sitzsack geholt, und schon ist wieder Platz.
 
Arila Fix sucht sich die passenden Bücher und Geschichten aus, bereitet das Angebot vor und organisiert die ehrenamtlichen Vorleser. Elisabeth Ebel von der Stadtbibliothek kümmert sich um die Genehmigung der Verlage und erstellt die Flyer. Sowohl in der Bibliothek bei den vielen Kinderangeboten als auch im Bildungsbüro zum Beispiel in der Arbeit der Weinheimer Bildungslotsen und beim Einsatz der ehrenamtlichen Lern- und Lesepaten steht die Sprach- und Leseförderung ohnehin im Vordergrund. Weinheim mit seiner „Bildungskette“ und dem Bildungsbüro gilt dabei als Bildungsstandort in der Region sowieso als vorbildlich.
Oft und am liebsten reagieren sie aber auch auf Anregungen und nehmen gerne die Ideen von Personen auf, die in ihrer eigenen Sprache oder auf Deutsch oder sogar in beiden Sprachen vorlesen können.  
Am Freitag, 6. November, findet um 15 Uhr in der Stadtbibliothek das nächste „Mehrsprachige Vorlesen“ statt. Vorgelesen wird das Bilderbuch „Yeti Jo“ in deutscher und russischer Sprache im Wechsel. Jede und jeder sind wieder willkommen. Anschließend dürfen die Kinder gemeinsam basteln. Alle Kinder ab 4 Jahren sind herzlich eingeladen, der Eintritt ist frei, eine Voranmeldung ist nicht nötig.
Das Wort Willkommen können Anna Sonnenfeld und Arila Fix schon in einigen Sprachen. Und wenn nicht, lernen sie es eben rasch. Muttersprachler, die gerne vorlesen möchten, können sich gerne an das Weinheimer Bildungsbüro wenden: info@bildungsbuero-weinheim.de oder 0177 - 9643 33 3.
 
 
 

(Erstellt am 30. Oktober 2026)

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